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01.06.00: Hand- und Gesichtsdiagnose - Ein Vortrag mit Master Richard Tsui

Richard Tsui, mit 82 Jahren der älteste Referent des Kongresses, referierte am Freitag, den 01.06. erstmalig in Europa zum Thema Hand- und Gesichtsdiagnose.

Die chinesische Gesichtsdiagnose basiert u.a. auf der Fünf-Elemente-Lehre. Ähnlich wie im Landschafts-Feng-Shui verheißen auch hier harmonische Proportionen Glück und Langlebigkeit. Richard Tsui verdeutlichte, dass es nicht um oberflächliche Schönheit gehe. Äußerlichkeiten spielten eine sekundäre Rolle, wichtig sei der Blick in den Menschen. Gesichter erzählten Geschichten und es gehe darum, diese Geschichten zu lesen.
Er erklärte weiterhin, dass die chinesische Gesichtsdiagnose nicht nur das Gesicht selbst, sondern den gesamten Körper einbeziehe. Nicht nur die Form und der Ausdruck des Gesichts, sondern auch Körperproportionen, Körperhaltung und Stimme spielten bei einer klassischen chinesischen Gesichtsdiagnose eine wesentliche Rolle.

Die chinesische Hand- und Gesichtsdiagnose wurde zu Beginn der Kaiserzeit (221 v. Chr.) entwickelt. In diesen Zeiten stand die gezielte Suche nach ganz bestimmten Charakteren bzw. Menschen mit signifikanten Eigenschafen im Vordergrund. Ein Meister der Gesichtsdiagnose konnte die Stärken und Schwächen eines Menschen erkennen und den Kaiser bei der Suche nach einem geeigneten Premierminister oder einen Minister bei der Suche nach einem geeigneten Kaiser unterstützen. Heute, so Richard Tsui, seien vielfältige Eigenschaften gefragt. Menschen, die heutzutage einen Meister der Hand- und Gesichtsdiagnose konsultierten, gehe es daher in erster Linie um Selbsterkenntnis.

Bild: Ein traditioneller Hand- und
Gesichtsdiagnostiker bei der Arbeit

Richard Tsui stellte zunächst verschiedene Kopftypen, dann Augen, Augenbrauen, Nasen, und Münder vor.
So kann die Kopfform eines Menschen einem oder mehreren Elementen zugeordnet werden. Dabei stehen quadratische Formen für das Element Erde, runde für Metall, bewegte Formen für Wasser, rechteckige für Holz und spitze für Feuer. Die Elemente, die das Gesicht eines Menschen prägen, sagen etwas über seine Vorlieben, Stärken und Schwächen aus.
Bei den Augen kommt es auf eine harmonische Verteilung von Augenweiß, Iris und Pupille an. Weiterhin wird auch die Augenform und die Art des Blickes interpretiert. Das sogenannte „Drachenauge“ z.B. gleicht dem Kopf eines Drachen und wird als ein Zeichen für Freundlichkeit und Weisheit gedeutet.
Die Augenbrauen können etwas über rationales und irrationales Denken verraten, wobei die Form und das Volumen der Brauen eine Rolle spielen.
Nasen sagen etwas über den Charakter eines Menschen und seinen Bezug zu Reichtum aus. Eine klassische „Hakennase“ z.B. symbolisiert Geschäftssinn. Betrachtet man die Form der Nase sowie Nasenflügel und -löcher lassen sich spezifischere Schlüsse ziehen.
Münder bzw. Lippen veranschaulichen die Lebenseinstellung eines Menschen. So werden klare Formen und die Andeutung eines Lächelns als vorteilhaft angesehen.

Die Handdiagnose, die hauptsächlich zur Krankheitsdiagnostik eingesetzt wird, konnte Richard Tsui mangels Zeit leider nicht mehr ausführlich vorstellen. Er bemerkte jedoch, dass es ihm, im Gegensatz zu anderen Praktikern dieser Kunst, nicht nur auf die Handlinien, sondern auch auf die Form der Hand ankomme. Dabei sei es günstig, wenn die Handfläche mit der Form der Finger harmoniere. Eine große Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger, die als „Drachenmaul“ bezeichnet wird, spreche für Freundlichkeit und Offenheit gegenüber anderen Menschen.

Bild: Der Wong Tai Sin Tempel in Hongkong

Leider wurde der Vortrag Richard Tsuis vom Chinesischen fragmentarisch ins Englische und dann ins Deutsche übersetzt. Richard Tsui selbst, der keine Seminare veranstaltet und insgesamt nur etwa sechs Schüler (u.a. auch Derek Walters) unterrichtet, wirkte im Angesicht einer Horde Fremder ein wenig befangen.
Trotzdem konnte man während des Vortrags erahnen, dass Richard Tsui ein Meister seiner Kunst ist und dass diejenigen, die das Glück haben, ihn vor dem Tempel Wong Tai Sin in Hongkong zu treffen, und als Schüler angenommen zu werden, in ihm einen unvergleichlichen Lehrer finden. Derek Walters berichtete während des Vortrags, dass Master Tsui ihn bereits vor vielen Jahren als Schüler angenommen habe. Master Tsui habe auf den Stufen des Tempels gesessen und ihn unvermittelt aufgefordert, sich zu ihm zu gesellen. Seither, so Derek Walters, habe er nicht aufgehört, von diesem großen Meister zu lernen und sei - metaphorisch gesprochen - nicht mehr von jenen Stufen aufgestanden.

Themen wie Hand- und Gesichtsdiagnose sind in unseren Breitengraden sicherlich mit Vorsicht zu genießen. Wenn in Master Tsuis Vortrag zur Gesichtsdiagnose auch die Rede von Augen-, Nasen und Mundformen war, die eine kriminelle Neigung verheißen, so mag dies für Europäer eher pauschalisierend und gefährlich klingen. Die chinesische Hand- und Gesichtsdiagnose kann deshalb nicht außerhalb ihres kulturellen Kontextes betrachtet werden. Kategorisierungen, die in der westlichen Welt als eine logische Folge eines derartigen Systems erscheinen mögen, sind für die Ausübenden dieser Kunst nicht relevant. Vielmehr geht es darum, Menschen dabei zu helfen, einen Platz in einer gesellschaftlichen und kosmologischen Ordnung zu finden, der ihnen ein harmonisches und erfülltes Leben ermöglicht.
Dabei spielt die Annahme, dass es ein „Schicksal“ gibt, natürlich eine nicht unwesentliche Rolle. Dies zu akzeptieren, fällt einem Menschen, der im Glauben an den „freien Willen“ erzogen worden ist, schwer. Allerdings sollte sich jeder darüber bewusst sein, dass sich innerhalb unseres Konsens’ immer mehr Menschen auf einer meist unerfüllten Sinnsuche befinden und trotz scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten oftmals leer und frustriert zurückbleiben.
In der chinesischen Philosophie wird der Erkenntnis, dass es unterschiedliche Menschen mit mannigfachen Glücksansprüchen gibt, Rechnung getragen. In unserem Kulturkreis, in dem seit Generationen die Stimmen nach Gleichheit auf allen Ebenen lauter werden, entsteht hingegen trotz des extremen Verlangens nach Individualität manchmal der Eindruck, dass der Einzelne in den Wogen des psychischen „Einheitslooks“ unterzugehen droht.

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