|
„Chinese
Ways“ - Ein Interview mit Großmeister Yap Cheng Hai
Im
Rahmen des zweiten Feng-Shui-World-Kongresses in Innsbruck gelang es uns,
Yap Cheng Hai, der unbestritten zu den weltweit führenden Kennern des
traditionellen chinesischen Feng Shui gehört, und seinen Assistenten Joe
Yap für ein Interview zu gewinnen.
Der Großmeister des Feng Shui
erwies sich als
geistreicher und unterhaltsamer Gesprächspartner, der keinen Wert auf
Schmeicheleien legt, sondern durch fundiertes Wissen und Authentizität
begeistert.
Wir möchten uns an dieser Stelle noch einmal herzlich
bei Lothar B. Baier vom Internationalen Feng Shui Forum e.V. bedanken, der
dieses Treffen für uns arrangierte.
fs.de: Master Yap, in Ihrem
Vortrag haben Sie uns berichtet,
dass Sie 1956 Ihr Haus kauften, aber das Feng Shui erst später überprüften.
Wann haben Sie Feng Shui erlernt?
YCH: Ich erlernte Feng Shui vor sehr vielen Jahren.
Aber als ich seinerzeit den Makler wegen dieses Hauses kontaktierte, hatten andere
Leute bereits eine Option auf das Haus. Da die Anwärter jedoch keine Bankbürgschaft
erhielten, rief mich der Makler an und sagte, dass ich kommen könne, um den
Vertrag zu unterschreiben. Als ich das Haus zum ersten Mal sah, gefiel es
mir sofort, und ich wusste auch ohne Feng Shui, dass es ein gutes Zuhause sein würde.
Ich fragte den Makler, ob ich den Vertrag am nächsten Tag unterschreiben könne.
Er verneinte und meinte, dass ich sofort unterschreiben müsse, da noch
andere Leute interessiert seien. Also unterschrieb ich und schaute mir das
Feng Shui im nachhinein an. Es war perfekt. So etwas nennt man Glück.
(lacht)
Haben Sie Feng
Shui bei Ihrem Vater erlernt?
YCH: Nein. Mein Vater war ein Kampfkunst-Meister. Er starb,
als ich noch sehr jung war.
In meiner Jugend hörte ich viel über Feng Shui und beobachtete die
Meister, wenn sie über dieses Thema sprachen. Ich las alle Bücher, die ich
über Feng Shui finden konnte. Danach habe ich Feng Shui von Meistern in
Taiwan und Hong Kong erlernt. Aber da ich fast alle Bücher kannte und das
Wissen bereits verinnerlicht hatte, haben die Lehrer zu mir gesagt: „Eine
Stunde, und Du bestehst.“ (lacht)
Sind sind also
ein Naturtalent...?
YCH:
Ich habe Ihnen noch nicht die ganze Geschichte erzählt...
Vor vielen Jahren begab ich mich nach Taiwan, um Kung Fu zu erlernen. Eines
Tages stellte mir mein „Bruder“ (Mitstreiter, ein Bruder im Geiste,
A.d.R.) einen Feng-Shui-Meister vor. Ich fragte ihn, ob er mir ein
spezielles Buch empfehlen könne. Er kramte ein über 85 Jahre altes Werk hervor und zeigte mir einige höchst interessante Passagen. Zunächst war
ich ein bisschen verwirrt und hatte Fragen, aber als er anfing zu erklären,
worum es ging, verstand ich die Zusammenhänge sofort. Da es zu dieser Zeit
noch keine Kopierer gab, bat ich ihn, mir das Buch für 48 Stunden zu
leihen, damit ich es abschreiben könnte. „Nein“, sagte er, dass sei zu
aufwendig. Also schlug ich ihm vor, das Buch mit nach Malaysia zu nehmen und
es ihm später zurückzuschicken. „Oh, das ist viel zu kompliziert“,
murmelte er. Ich fragte ihn, was ich seiner Meinung nach tun solle, und er
sagte, er werde mir das Buch schenken. Glauben Sie, dass ein
Feng-Shui-Meister normalerweise mal eben seine Bücher rausrückt...?
„Wo kann ich einen guten Luo Pan erstehen?“ fragte ich ihn weiter.
„Kein Problem“, antwortete er und drückte mir einen Luo Pan in die Hand.
So habe ich Feng Shui erlernt. Der Meister hat mir eine Beratung verpasst.
(lacht)
In Hongkong begegnete ich später einem weiteren
Feng-Shui-Meister, der sich hervorragend mit Landformationen auskannte. Ich
hörte von einen Freund, dass dieser Meister mit seinem Luo Pan Metallvorkommen (Zinn) bis zu einem viertel Fuß genau aufspüren könne. Ich
konnte das kaum glauben und
fragte meinen Freund natürlich sofort, ob er mir den Meister vorstellen
wolle. Er willigte ein.
Der Meister und ich wurden daraufhin gute Freunde. Er erzählte mir sehr viel über
das sogenannte Landschafts-Feng-Shui.
Eines Tages kam der Meister nach Singapur, um eine Feng-Shui-Beratung zu
machen. Er rief mich an und fragte mich, ob ich bei seinem Klienten
vorbeikommen könne. Ganz offensichtlich war das Feng Shui des Klienten
hervorragend, aber trotzdem drohte ihm der Bankrott. Zuerst verstand ich das
Ganze nicht. Aber als ich genauer hinschaute, ahnte ich, dass etwas mit dem
Wasser-Feng-Shui nicht stimmen konnte. Ich holte den Plan hervor und fand meine Vermutung bestätigt. Daraufhin erläuterte ich dem Klienten, wie
er den Lauf des Wassers zu seinen Gunsten verändern müsse.
Der
Feng-Shui-Meister bedankte sich bei mir und sagte: „Ich bin 85 Jahre
alt“ – zu dieser Zeit war ich gerade einmal 40 – „und trotzdem werde
ich Dich Meister nennen. Ich bin vielleicht der Meister der Landformationen,
aber Du bist der Meister des Wassers.“
In der Tat, Sie sind als der Meister des Wassers
bekannt und besonders durch Ihre „Wasserdrachenformeln“ berühmt
geworden. Könnten Sie uns etwas mehr dazu erzählen?
YCH: Ja, wie ich heute morgen in meinem Vortrag bereits
erwähnte:
Ich habe bisher ungefähr zwanzig ausführliche Wasserdrachen-Beratungen
gemacht. Sieben dieser Klienten sind heute Milliardäre.
Sie müssen also ein ganz spezielles Geheimnis haben.
Viele Feng-Shui-Meister behaupten, dass sie das Leben eines Klienten
verbessern, aber niemanden zum Millionär machen können, dem es nicht durch
sein Schicksal bzw. das sogenannte „himmlische Glück“ bestimmt ist.
Nun ja,
wahrscheinlich braucht man schon himmlisches Glück, um Sie überhaupt
anzutreffen...
YCH: Ja, viele Leute müssen sehr lange auf eine Beratung
warten. Es ist meistens sehr schwer, mich zu erreichen, weil ich mich ständig
irgendwo in der Weltgeschichte herumtreibe...
Mit Leuten, die ich berate, muss mich daher so etwas wie eine geistige
Verwandtschaft verbinden.
Beraten Sie auch
in Europa?
YCH: Ja, sicher, in Europa, den USA und in Malaysia.
Ich bin gerade erst aus Istanbul zurückgekommen. Dort sollte ich das Feng Shui
eines CNN Gebäudes, das kurz vor der offiziellen Eröffnung steht,
untersuchen. Ich fragte die Auftraggeber, ob sie sich ihrer Sache sicher
seien – Istanbul ist schließlich eine muslimische Stadt. Wenn nicht,
werde mich die Regierung bestimmt aus dem Land schmeißen. Aber sie haben
mich beruhigt und mir gesagt, dass das schon klar gehe. Daraufhin habe ich
es dann getan. (lacht)
Sie arbeiten nicht nur als Feng-Shui-Berater, sondern
Sie sind auch als Lehrer auf der ganzen Welt tätig. Gibt es zwischen Leuten,
die in Asien und solchen, die in der westlichen Welt Feng Shui erlernen,
Unterschiede? Setzen die Menschen in Ost und West andere Prioritäten?
YCH: Nein, eigentlich nicht. Alle Schüler haben schließlich
einen genialen Lehrer, und wenn diese Genialität nicht irgendwann auf sie
abfärbt, verlieren sie einfach den Verstand. (lacht herzlich)
Wissen Sie, meine Unterrichtsweise ist andersartig. Ich sage meinen Schülern
zunächst, dass sie weder denken, fragen noch sprechen dürfen, sondern
einfach wie wild mitschreiben sollen. Und nach einer Stunde lasse ich sie
dann eine kurze Pause einlegen, damit sie ihre Hände ausschütteln können.
Danach dürfen sie wieder weiterschreiben.
Joe Yap: Das ist eine sehr traditionelle
Lehrmethode, die sich ganz erheblich von westlichen Lehrmethoden
unterscheidet.
YCH:
Schüler neigen dazu, Fragen zu stellen, bevor sie überhaupt
wissen, um was es geht. Das ist wie mit dem Essen: Wenn du einen Koch fragst,
wie etwas gekocht wird, bevor du es probiert hast, vergisst er,
wie man kocht, und du vergisst zu essen. Damit ist das Abendessen dann
ruiniert. Also: Nicht fragen, sondern erst mal essen!
Aha, Sie sind tatsächlich ein
sehr pragmatischer Mann.
YCH: Ja,
genau.
Würden Sie sagen, dass es für Feng-Shui-Praktiker
wichtig ist, etwas über die Ursprünge des Feng Shui zu erfahren?
YCH: Für mich ist es wichtig, dass meine Schüler die
klassische chinesische Feng-Shui-Theorie kennenlernen. Aber sie dürfen
ihre eigene Kultur dabei nicht außer Acht lassen. Feng Shui ist in erster
Linie Wissen. Es ist keine Religion, sondern eine Wissenschaft, die auf
empirisch nachprüfbaren Grundlagen beruht.
Chinesen, Engländer und Russen benutzen Computer.
Warum? Ganz einfach: Weil gute Computer überall funktionieren!
Sie würden Feng
Shui also als Wissenschaft bezeichnen?
YCH: Ja, sicher. Feng Shui ist eine
2000 Jahre alte
Wissenschaft, die immer und immer wieder überprüft wurde.
Ein guter Meister und Lehrer sollte in die Welt hinausgehen und
herausfinden, was der Wahrheit entspricht. Viele Meister machen das und
kennen daher eine Menge Geheimnisse. Aber sie verheimlichen ihre Erfahrungen,
und ein Schüler muss oft mehr als zwanzig Jahre warten, bevor der Meister
ihn an seinem gesamten Erfahrungsschatz teilhaben lässt.
Ich bin hingegen sehr pragmatisch. Da ich selbst sehr ungeduldig bin und
nicht so lange warten wollte, erwarte ich auch von meinen Schülern nicht,
dass sie sich lange gedulden. Ich will, dass sie schnell lernen und schnell
bestehen. Daher habe ich eine sehr systematische Lehrmethode entwickelt,
durch die ich in der Lage bin, meine fünfzigjährige Erfahrung in
komprimierter Form zu vermitteln. Der Kurs setzt sich aus vier Modulen
zusammen, und wenn ein Schüler nicht dumm ist, kann er durchaus ein
Feng-Shui-Meister werden.
Ich nehme an, dass Ihre Schüler trotzdem sehr viel
praktische Erfahrung und Übung brauchen?
YCH:
Ja, darauf lege ich großen Wert. Ich will, dass
meine Schüler z.B. die wichtigsten chinesischen Schriftzeichen erkennen, schreiben und
aussprechen können.
Während meiner Kurse lernen die Schüler oft bis in
die frühen Morgenstunden. Wenn sie sich beklagen, dass sie etwas nicht verstanden haben, liegt es
meist daran, dass sie nicht hart genug gearbeitet haben, und das sage ich
ihnen auch.
Ich kann mich an einen Schüler aus Zypern erinnern, der sich darüber
beschwerte, dass der Kurs zu schnell voranschreite. Ich stellte fest, dass
er noch nicht einmal die 24 Richtungen (Berge) entziffern konnte und sagte
ihm, er solle mich nicht mit nutzlosen Fragen belangen. Vielleicht könne er
sich später ja einfach an seinen Nachbarn wenden, denn der wisse, worum es
gehe. Daraufhin erwiderte er nichts.
Am nächsten Morgen beherrschte er den
gesamten Stoff und die Kurse begannen ihm Spaß zu machen. Heute ist er übrigens
ein hervorragender Praktiker.
Viele meiner Schüler folgen mir um die ganze Welt und besuchen meine Kurse.
Sie wollen so schnell wie möglich alles lernen und das Meister-Zeugnis
erwerben. Aber das ist eine echte Herausforderung. Um die Meister-Prüfung
zu bestehen, müssen die Schüler den Stoff einwandfrei beherrschen.
Das hört sich so an, als ob
Ihre Schüler die Materie förmlich aufsaugen müssten...
YCH: Ja, wenn die Schüler das erste Mal Modul I und II
absolviert haben, sehen sie Sternchen... (lacht)
Also sage ich ihnen, dass sie noch einmal kommen müssen. Viele Anfänger
fragen mich daraufhin: „Warum? Wollen Sie uns das Geld aus der Tasche
ziehen?“. Ich antworte ihnen, dass sie beim ersten Mal einfach nur
mitschreiben und zuhören, aber das Wissen danach nicht in die Praxis
umsetzen können. Also kommen sie wieder.
Ich nenne meine Schüler auch Chihuahuas (ausgesprochen: Huwuawua). Kennen
Sie diese kleinen Hunde?
Ja...?
YCH: Wenn meine Schüler den ersten Kurs besuchen, lautet
ihre Reaktion meist „huh, hu, huuh???“, denn die Materie macht sie
neugierig. Wenn sie zum zweiten Mal wiederkommen, verstehen sie schon etwas
mehr und staunen. Also reagieren sie mit „wua, woaw!“. Und wenn sie zum
dritten Mal da sind, klickert es richtig und sie erleben den „WOOW-Effekt“.
Deshalb heißt mein Unterricht auch „Huwuawuua“! (lacht)
Joe Yap: Modul I des Kurses findet schon auf
Hochschul-Niveau statt. Die meisten Lehrer, die in der westlichen Welt Kurse für
Fortgeschrittene anbieten, hören auf diesem Niveau auf.
Ich würde noch
einmal gerne auf die berüchtigten Wasserdrachenformeln zurückkommen. Könnten
Sie kurz skizzieren, um was es beim Wasserdrachen geht und wie Sie zum
Wasser-Feng-Shui gekommen sind?
YCH:
Der Meister aus Taiwan, der mir das Buch schenkte, machte mich auf
die Wasserformeln in jenem Buch aufmerksam und bemerkte, dass diese immens
wichtig seien. Ich fragte ihn natürlich nach dem Grund. Er antwortete:
„Landschaften kann man verändern. Wenn sich heute an dieser Stelle ein
Berg erhebt, könnte er morgen schon abgetragen sein. Dann ist das gesamte
Feng Shui plötzlich hinfällig.“
„Aber Flüsse umzulenken, ist
bedeutend schwieriger“, konterte ich.
„Ja“, sagte er, „aber für die
Umsetzung des Wasser-Feng-Shui reicht sogar ein kleines Rinnsal.“
Daraufhin
überprüfte ich das Feng Shui von Gräbern. Immer, wenn ich Urlaub oder ein
freies Wochenende hatte, besuchte ich die Grabstellen auf dem Land. Ich machte das etwa
fünf Jahre lang. Dann kontaktierte ich den Meister und fragte
ihn, ob wir uns das Wasser-Feng-Shui einiger Grabstellen in Taiwan anschauen
könnten. Er war einverstanden und wir verbrachten eine Woche in Taiwan, um
das, was ich erforscht hatte, zu überprüfen. Am letzten Tag meines
Aufenthalts, an dem wir ein paar Grabstellen in den Bergen untersucht
hatten, fuhren wir mit einem Taxi nach Hause. Auf halbem Weg hielt der
Fahrer an und sagte: „Ich habe bemerkt, dass Sie Feng-Shui-Meister sind.
Es tut mir leid, wenn ich Sie belästige, aber ich würde Sie gerne um einen
sehr, sehr großen Gefallen bitten. Die Grabstelle meiner Mutter liegt in
der Nähe und der Bach, der sich bei ihrer Grabstelle befindet, fließt in
eine sehr ungünstige Richtung. Er unterspült ihren Grabstein und bedroht
das Wohlergehen meiner Nachkommen. Ich habe kein Geld, aber da ich sehe,
dass Sie zwei Meister sind, bitte ich Sie mir zu helfen.“
Ich schaute den
Meister an und wir nickten uns zu. Also fuhren wir zu der Grabstelle und
erkundeten die Lage. Der Meister fragte mich, ob ich die Herausforderung
annehmen wolle. Er sagte mir, dass es an der Zeit sei, mein Können unter
Beweis zu stellen, und dass ich mein Bestes geben solle. Daraufhin untersuchte ich
das
Wasser-Feng-Shui und erklärte dem Mann, was er ändern müsse. Nachdem ich
meine Analyse fertiggestellt hatte, schaute ich den Meister noch einmal an.
Er signalisierte mir seine Zustimmung.
Als wir wieder in unserem Hotel
angekommen waren, lächelte der Meister und sagte: „Mr. Yap, Sie haben
bestanden.“ Er gab mir kein Zertifikat, sondern sagte mir einfach, dass
ich bestanden hätte. Heutzutage vergebe ich Zertifikate, aber ich habe
selbst nie ein Zertifikat erhalten... (lacht)
In Asien muss ein Feng-Shui-Berater keinen Schein
erwerben oder ein Zertifikat bei seinen Klienten vorweisen. Wenn sich eine
Person „Meister“ nennt, kann man davon ausgehen, dass sie tatsächlich
ein Meister ihrer Kunst ist...
YCH:
Nein, ein chinesischer Kampfkunstmeister zum Beispiel
nennt sich selbst niemals „Meister“. Selbst wenn ein Kampfkünstler
bereits 99 Jahre alt ist, würde er sich nicht als „Meister“ bezeichnen.
Die anderen geben ihm diesen Namen.
Wenn Menschen mich heute „Meister“ nennen, muss ich das respektieren.
Auch wenn Sie mich einen „miserablen Meister“ nennen, sage ich
„o.k.“. Und wenn Sie mich „Großmeister“ nennen möchten, ist das
auch in Ordnung. (lacht herzlich)
Ich darf diese Titel nicht ablehnen.
In China sagt man: „Du bewahrst dein Gesicht, den Namen geben dir die
anderen.“ Wenn die Menschen dich also „Großmeister“ nennen und du den
Anforderungen nicht gewachsen bist, verlierst du dein Gesicht und damit dich
selbst. Man muss die volle Verantwortung für einen Titel übernehmen.
In der westlichen Welt haben die Leute da eine ganz
andere Einstellung. Manchmal scheint es so, als ob die Leute sich weniger für
die Inhalte, sondern vielmehr für Scheine und Zertifikate interessieren....
YCH: Ja, alle Leute im Westen nennen mich „Großmeister“.
Und alle wollen selbstverständlich ein Zertifikat. Wir haben uns deshalb
ganz schnell den westlichen Gepflogenheiten angepasst. (lacht)
Mein Assistent, Joe Yap, hat sehr viel von mir gelernt, aber ich habe ihm
nicht ein einziges Zertifikat ausgestellt. Wenn er ein Zertifikat bekommen würde,
müsste es ein riesengroßes Plakat sein. Schließlich unterschreibt auch er
die Zertifikate, also müsste er eigentlich ein besonders großes Exemplar
bekommen...
Jetzt verstehen Sie wahrscheinlich. Ich besitze keine Zertifikate, und die größten
Meister schon gar nicht.
Heute morgen haben wir
gehört, dass Sie nicht nur ein Meister des Feng Shui, sondern auch ein
Meister der Kampfkunst sind.
YCH: Ja,
ich beherrsche zwölf Kampfkunst-Stile.
Shaolin Kung Fu, Tai Chi, Bagua..., eigentlich fast alles. Insgesamt hatte
ich sieben Kampfkunst-Lehrer.
Und
ich hatte drei spirituelle Lehrer, die mir zeigten, wie man mit Geistern
umgeht.
Auch im Feng Shui ist gelegentlich von Geistern und
magischen Wesen die Rede. Die Menschen in Europa und den USA haben mit
Dingen, die jenseits des Materiellen liegen, oft Schwierigkeiten. Glauben
Sie, dass das Erlernen von Feng Shui die Wahrnehmung beeinflusst bzw. verändert?
YCH: Ich glaube, dass alle Menschen, die sich meine
Geistergeschichten anhören, an diese Geschichten glauben. Denn die meisten
von ihnen begreifen irgendwann, dass der Glaube an Geister manchmal einfach
eine Notwendigkeit ist. Und wenn sie mir nicht glauben, haben sie meist eine
ganze Menge Ärger... (lacht)
Man kann nur durch Erfahrungen lernen. Ich erkenne auch nur das an, was ich
nachgeprüft bzw. erfahren habe. Vielen Feng-Shui-Prinzipien habe ich erst
getraut, nachdem ich sie empirisch überprüft hatte.
Als ich mit der
Kampfkunst anfing, habe ich meinen Lehrer gefragt, ob er mir das Kämpfen
beibringen könne. Ich sagte ihm, dass ich erst gar nicht mit dem Lernen
anfangen wolle, wenn ich später nicht in der Lage wäre, richtig zu kämpfen.
Der Meister akzeptierte das. Viele Leute beschäftigen sich zum Beispiel aus
Gesundheitsgründen mit Kampfkünsten. Ich hingegen wollte von Anfang an
lernen, wie man kämpft. Das ist eine andere Herangehensweise.
Könnten Sie uns zum Schluss noch etwas über das Pa
Chai (8 Häuser Schule) erzählen? Wenn man die Ausrichtung eines Hauses
bestimmen möchte, findet man in der Literatur zahlreiche Methoden,
die zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Würden Sie einem Anfänger raten,
erst einmal einer bestimmten Schule zu folgen?
YCH: Ja, klar, kommen Sie in meine Schule! (lacht herzlich)
Nein, wirklich, wie ich gerade sagte: Ich habe alles, was ich lehre, in
jahrelanger Übung und Praxis geprüft und kann deshalb mit Sicherheit
sagen, dass das, was ich lehre, funktioniert.
Erinnern Sie sich an meinen Vortrag heute morgen? Einer meiner Klienten bat
mich herauszufinden, welchen Eingang er am besten nutzen solle. Er hatte ein
großes Haus mit einem wunderschönen Haupteingang, einem recht ansehnlichen
Seiteneingang und einem Dienstboteneingang. Ich habe ihm nach meiner Analyse
geraten, den schmalen Dienstboteneingang zu nutzen, da dieser das beste Feng
Shui verhieß. Als ich ihn ein paar Jahre später besuchte, führte er mich
durch den Dienstboteneingang ins Haus. Ich fand das sehr eigenartig und
fragte ihn nach dem Grund. „Das haben Sie mir doch geraten“, entgegnete
er erstaunt. „Ach ja“, lachte ich, „das hatte ich doch glatt wieder
vergessen...“
Dieser Klient ist heute ein vierfacher Milliardär.
Master Yap Cheng Hai, wir danken Ihnen für dieses
Interview.
Yap Cheng Hai begann bereits in den 40er Jahren mit
Feng-Shui-Beratungen für große Konzerne, Politiker und gekrönte Häupter.
Das Geheimnis seines Erfolgs besteht in der Fähigkeit, einige der mächtigsten
und effektivsten Feng-Shui-Systeme des alten Chinas zu kennen und gekonnt
anzuwenden. Er gilt als ein Spezialist, der in der Lage ist, komplexe und
diffizile Feng-Shui-Probleme geschickt zu lösen.
Seine Feng-Shui-Expertisen erstellt Yap Cheng Hai im Rahmen der Lehren von
Pa Chai (8 Häuser Schule), San Yuan (Xuan Kong, Fliegende Sterne), Yin
House oder Grave Feng Shui, San Hup (3 Kombinationen) und der berühmtesten
Schule: dem Water Dragon.
Trotz seines hohen Alters reist Yap Cheng Hai noch heute um die ganze Welt,
um sein Wissen und seinen Erfahrungsschatz als Berater und Lehrer
weiterzugeben.
© Copyright
by Kira Lemke
|