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Yo, man
- Ba Gua Feng Shui!
Oder: Ist an den „Acht Lebensbereichen“ nun was dran oder nicht?!
von Jürgen Schnitzler
Die größte Weisheit
dieses Artikels will ich ausnahmsweise mal an den Anfang stellen:
Feng Shui ist uralt –
zumindest in China.
Hier bei uns im Westen ist es ziemlich neu. Diese Tatsache ist zwar
bekannt, hat aber dazu geführt, dass sich die Feng Shui Anhänger
inzwischen in zwei Lager spalten. Die einen sind die Anhänger des
"einfachen“ Feng Shui, die anderen die des "echten“ Feng Shui.
Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Wer von uns Feng Shui-Interessierten und
-Treibenden hat denn nicht mit einem der vielen Billigwerke angefangen?
Wer hat nicht seine ersten Versuche mit den Acht Lebensbereichen
angestellt?
Diese abgespeckte Version hat zwar im Prinzip nichts mit dem echten Feng
Shui zu tun, aber was soll’s? Als Einstieg reicht es allemale, um auf den
Geschmack zu kommen.
Die
oben erwähnte Spaltung gibt es wohl hauptsächlich, weil einige Leute, die
einen guten Riecher für’s Geschäft hatten, sich sehr schnell auf die neue
"Welle“ stürzten und diese bereits zu einem Zeitpunkt vereinnahmten, als
die meisten heutigen Berater noch gar nicht wussten, wie man "Fang Schwei"
oder "Fung Shoy" eigentlich schreibt, geschweige denn ausspricht.
Dass diese Menschen nur rudimentäre Kenntnisse von der eigentlichen
Vorgehensweise hatten, störte dabei weniger. Wer hätte sie auch überprüfen
sollen?
Teilweise mit dem berühmten "Schlitzaugen-Bonus“ ausgestattet, war es
sowieso egal, was sie an Lehren verbreiteten, weil ja jeder, der asiatisch
aussieht, erzählen kann, was er will.
Die meisten Westler denken nämlich scheinbar, das mit den "Mandelaugen“
automatisch auch das Hintergrundwissen über alle asiatischen und
insbesondere chinesischen Mysterien angeboren wird.
Ein kleiner Test für
alle: Sie haben drei Menschen vor sich, die Ihnen Akupunktur anbieten: Ein
Europäer, ein Afrikaner und ein Asiate. Sie kennen keinen von ihnen. Zu
wem gehen Sie? Lassen Sie mich raten: Zum Asiaten!
Leider ist der nur Gepäckträger am Bahnhof in Tokio. (Der Europäer ist
übrigens Steuerberater, nur der Afrikaner hat in Paris Akupunktur studiert
– Sie haben leider verloren!)
Sehen Sie: Selbst ohne einen realen Menschen vor sich zu haben, wirken
manche Vorurteile.
Die chinesischen Meister
hatten zu dem o.g. Zeitpunkt noch kein Interesse, sich mit "Langnasen“
auseinander zu setzen (was viele auch heute noch nicht tun), - und in der
westlichen Welt gab es niemanden, der die hierzulande kursierenden Lehren
hätte korrigieren können. Auf diese Art und Weise hat sich das
verkrüppelte „Ba Gua Feng Shui“ mit seinen "Acht Lebensbereichen“ mächtig
weit verbreiten können und so konnten auch ein paar clevere Leute ihre
Version von Feng Shui gut vermarkten und dadurch quasi ein Lehrmonopol
aufbauen.
Das soll jetzt nicht bedeuten, dass die Arbeit dieser Leute schlecht
gewesen wäre; Sie haben sicherlich vielen Menschen den Zugang zum Feng
Shui ermöglicht, die sonst nie auf die Idee gekommen wären, sich mit solch
einem Thema auseinander zu setzen. Was die Qualität der Beratungen angeht,
die auf dieser Basis gemacht worden sind.....na ja, lassen wir das.
Ich persönlich kenne niemanden aus einem westlichen Land, der nicht über
eines oder mehrere der populären Bücher den Kontakt zum Thema Feng Shui
bekommen hätte. Diejenigen, die an Lillian Too geraten sind, haben ja noch
Glück gehabt.
Wer sich dann aber intensiv mit Feng Shui befasst, merkt natürlich
schnell, dass diese Art der Lehre nicht der Wahrheit letzter Schluss sein
kann. Dafür ist diese Vorgehensweise zu simpel gestrickt. Ein
vereinfachtes Raster der acht Richtungen nach Schema-F auf einen
beliebigen Grundriss zu legen, macht ungefähr genauso viel Sinn, wie alle
Kopfschmerzen mit Aspirin (oder Togal, Spalt, Thomapyrin etc.) bekämpfen
zu wollen. Es kann funktionieren, aber es übertüncht in aller Regel nur
die Symptome. In manchen Fällen hilft es auch nur so lange, wie der
jeweilige Mensch daran glaubt.
Wer einmal erlebt hat, wie aufwändig z.B. eine Diagnose bei der Akupunktur
ist, kann nur den Kopf schütteln, wenn er diese
Ba-Gua-auf-den-Grundriss-Legerei erlebt.
Auf einmal ist der Mensch
aber neugierig, guckt sich um und lernt wie ein Wilder das "echte“ Feng
Shui – yo!
Plötzlich ist er natürlich der Held und kann auf diese popelige Variante
nur müde lächelnd hinunterblicken. Denn so einfach ist es ja gar nicht!
Hah! Hab ich es doch gewusst!
Die können alle
nix, sind Schaumschläger und ziehen den armen Unwissenden nur das Geld aus
der Tasche!
Diese Ignoranten! Und deren System ist ab sofort grundsätzlich schlecht,
untauglich und hat keinerlei Bezug zum wahren und echten Feng Shui! Es ist
vollkommen erfunden, erstunken und erlogen!
Na – ist es nicht so?
Kennen Sie das nicht irgendwo her? Nein? Dann gehören Sie inzwischen
entweder zu einer Minderheit oder Sie halten nichts von modischen Trends.
Was hat das denn nun wieder mit Trends zu tun? Ganz einfach: Es ist hip,
auf die armen, unwissenden und verblendeten Nichtswisser
herunterzublicken. Und Ba Gua Feng Shui taugt ab sofort aus Prinzip
nichts. Aber: Stimmt das denn auch? Hat Ba Gua Feng Shui keinen Bezug zur
"reinen Lehre“? Existieren keine Verbindungen zur überlieferten
Vorgehensweise?
Fragt man Chinesen, ob
sie die "Acht Lebensbereiche“, bzw. das "3-Türen-Bagua“, im Feng Shui
kennen oder ob sie auch die "Reichtumsecke" stärken, dann erhält man oft nur
ein irritiertes Lächeln als Antwort. Beim Begriff "Ba Gua Feng Shui“ ist
das aber schon anders. DAS ist ziemlich populär – zumindest in der
Volksrepublik China. Allerdings ist die Anwendung doch um einiges
differenzierter, als das, was hier als solches angeboten wird.
Grundlage ist natürlich das I Ging mit seinen acht Trigrammen – eben den
Ba (Acht) Gua (Trigramme).
Allerdings sind den acht Gua wesentlich mehr Bedeutungen zugeordnet, als
den "Lebenbereichen“ oder "Ecken“ . Auch die Anwendung ist teilweise
deutlich anders.
Hier kommt hauptsächlich das "relative“ beim Qi zum Tragen. D.h. Qi bewegt
sich immer relativ zu einem Bezugspunkt. Bei Häusern ist das, was für das
linke Haus im Westen liegt, für das rechte Haus im Osten, was bedeutet,
das Haus als "ich“ sieht die Dinge auf sich zukommen.
Bei einer anderen
Variante schaut man gar nicht so sehr auf das Haus, sondern achtet darauf,
was um einen selbst passiert: Wenn nun mehrfach z.B. von hinten rechts
etwas auf mich zukommt, kann das z.B. anzeigen, dass irgendetwas passieren
wird, was meinen Kopf betrifft oder die Obrigkeit oder evtl. auch den
Vater. Ob das nun wiederum gut oder schlecht ist, hängt von der Art der
Ereignisse ab.
Dasselbe gilt natürlich sinngemäß auch für die anderen Himmelsrichtungen.
Alle Betrachtungen, ob für Häuser oder die eigene Person, werden mit den
Richtungseigenschaften des I Ging verglichen und daraus Schlüsse gezogen.
Fehlt in einem Haus z.B. im SW ein Teil, ist es fast immer so, dass die
Frau des Hauses eine schwächere Position hat, als die restlichen
Familienmitglieder. Steht ein verkrüppelter Baum im Osten des Hauses
treten häufiger als anderswo Aggressionen auf – oder aber Allergien mit
Lungenbeteiligung, wie z.B. allergisches Asthma.
Das lässt sich für alle Richtungen und Gua-Bedeutungen beliebig
durchführen.
Innerhalb eines Raumes hat es daher natürlich auch eine Bedeutung, aus
welcher Richtung eine spitze Ecke auf mich zeigt, denn hier gelten ja
dieselben Regeln – und die sagen v.a.: Wenn man sich regelmäßig, häufig
oder lange denselben Einflüssen aussetzt, dann haben die auch eine
Auswirkung.
Welche das ist, hängt von allen Beteiligten ab; insbesondere von den
Formen und der Elemente-Qualität der Bereiche und auch der
Elemente-Zusammensetzung der betroffenen Person, wie sie z.B. in der "Vier
Säulen Astrologie“ (Ba Zhi) ermittelt wird.
Insofern könnte dadurch
jetzt der Eindruck entstehen, dass das Ganze mit den Acht Lebensbereichen
so falsch nun doch nicht sein kann. Ist es auch nicht, zumindest nicht so
ganz. Allerdings ist es auch nicht so ganz richtig. Es ist verkrüppeltes
Feng Shui Grundwissen, so, als ob ein Kind in der Grundschule nur die
Ziffern von 1 bis 9 lernt und dann aufhört. Mit Zahlen, wie 11, 168 oder
6789 kann es dann nicht anfangen, bzw. wendet nur das an, was es von den
Ziffern weiß.
Daher hat das Ba Gua Feng Shui in der Form, wie es im Westen gelehrt wird,
nicht viel mit all den Assoziationen zu tun, die den einzelnen Richtungen
zukommen und führt somit zwangsläufig zu langfristig falschen Ergebnissen.
Viele Bedeutungen ergeben sich zwar direkt aus dem I Ging, andere aber
erst aus dem Richtungs- oder Elementebedeutungen anderer Feng Shui
Schulen.
Witzigerweise erschließt sich vieles im Ba Gua Feng Shui erst, wenn man
die anderen Schulen kennengelernt hat, obwohl es auf den ersten Blick so
einfach erscheint.
An dieser Stelle ist leider nicht genügend Platz, um einige sehr
interessante Punkte anzusprechen, aber es seien hier zumindest zwei einmal
erwähnt, um auch bei Ihnen die Neugier zu fördern:
Warum ist Kan einmal im Norden und einmal in der Mitte der Wand beim
Betreten des Hauses oder eines Zimmers?
Wieso kann man die "Acht Lebensbereiche“ interessanterweise gut zur
Diagnose der Hauptprobleme der Bewohner heranziehen, obwohl diese Bereiche
doch "falsch“ sind?
Die Antwort für die meisten Fragen liegt in den wundersamen "relativen“
Eigenschaften von Qi, denn es bezieht sich immer auf einen Bezugspunkt,
der normalerweise der Betrachter ist, aber auch ein Haus oder ein Zimmer
oder auch eine Landschaft sein kann.
Aber zurück zu den Acht
Lebensbereichen:
Taugen die Acht Lebensbereiche was oder
nicht?
Jain. Zieht man alle
Aspekte in Betracht, kann diese Methode sehr wohl – und zwar besonders zu
"Diagnosezwecken“ – eingesetzt werden.
Der Platz hier reicht
nicht, um das System in epischer Breite darzustellen, aber hier sei
stellvertretend für alle anderen einmal das Trigramm Sun genannt:
-
Es gehört zum SO, bzw.
in seiner relativen Position nach links gegenüber.
-
Es wird erregt durch
Chen und löst Dinge, z.B. Denkprobleme aber auch Ehen, stellt Dinge
vollkommen (ganzheitlich) dar. Dinge mit Verbindung zu Sun wirken
eindringlich und aufwühlend.
-
Es wird repräsentiert
durch: Hahn, Schenkel, älteste Tochter (Kind oder aber auch älteste
gebärfähige Frau im Haus) – Holz, Wind, Richtschnur, Arbeit, lange hohe
Dinge, Bewegung (Fortschritt und Rückzug), unentschlossen sein, Geruch,
grauhaarige Menschen, Menschen mit breiter Stirn, Menschen die dem
Gewinn nahe stehen und für ihre Waren das dreifache bekommen.
Wenn es starke und/oder
gute und angenehme Dinge sind, die aus dieser Richtung kommen, fördern
diese Einflüsse das ganzheitliche Denken, die Aufgeschlossenheit und die
Fähigkeit, Probleme zu lösen. Deshalb ist das besonders gut für das
Bestehen von Prüfungen oder auch wissenschaftliche Arbeit.
Aber auch die Sinne werden geschärft und sinnliche Eindrücke hinterlassen
einen stärkeren Eindruck. Das ermöglicht somit auch Romanzen und
Liebschaften. Und der Riecher für gute Geschäfte wird besser, was die
Chancen für Reichtum wesentlich verbessert.
Im modernen Feng Shui
betrachtet man nur den letzten Punkt, was einfach zuwenig ist. Es hängt
natürlich immer davon ab, was sich in der entsprechenden Richtung
befindet: Das Bild des Traumautos, der Traumfrau oder das eigene Diplom.
Auf der anderen Seite
können es aber auch Ecken und Kanten sein oder einfach hässliche
Gegenstände oder abgestorbene Bäume und Bauruinen. Dann gibt es eher viel
Sex statt Liebe; Ehebruch, Scheidung und unglückliche Liebschaften. Dann
wird der Geist so frei, dass er die Bahnen normalen Denkens verlässt und
psychische Veränderungen der unnormalen Art bis hin zum Wahnsinn auftreten
können. Das bestehen von Prüfungen wird dadurch logischerweise auch nicht
gerade gefördert. Dann wird auch der Sinn für das Geschäft getrübt und die
Menschen werden zu Spielern. Mädchen (Töchter und Schwiegertöchter) werden
öfter krank oder haben Unfälle.
Sie
sehen also, dass selbst die einfachen Dinge relativ umfangreich werden
können, wenn man sie genauer unter die Lupe nimmt. Und Sie sehen auch,
dass tatsächlich das I Ging einen wesentlich größeren Einfluss auf Feng
Shui hat, als es normalerweise scheint.
Also: Gehen Sie los,
kaufen Sie sich ein Buch über das I Ging und lesen Sie mindestens die
Abschnitte über die Trigramme!
Viel Spaß beim
Neuentdecken von Ba Gua Feng Shui!
© Copyright 2002 by
Jürgen
Schnitzler |