Ein Interview mit Master Chan Kun Wah
von Gefion Wolf
Noch ist der Mann ein Geheimtip -
allerdings ein hoch gehandelter. Master Chan Kun Wah erschien vor drei
Jahren auf der britischen Feng-Shui-Szene und sorgte bald mit seinem
ungewöhnlichen Stil für Aufsehen.
Was der 53jährige Experte aus Hongkong lehrt und praktiziert, geht weit
über das hinaus, was Schülern und Klienten normalerweise als Feng-Shui
serviert wird. Master Chan vermittelt Fachwissen, das seine Kollegen in
China eher für sich behalten und höchstes ihrem ältesten Sohn oder
Lieblingsschüler weitergeben. Minutiöses Quellenstudium, präzises
Rechnen mit Kalender und LoPan, genaue Beobachtung und Analyse der
Landschaft und ihrer geomantischen Phänomene und nicht zuletzt rund 40
Jahre praktische Erfahrung zeichnen den Puristen aus, der im nächsten
Jahr auch in Deutschland und Österreich unterrichten wird.
Master Chan, Ihnen wird nachgesagt, daß
Sie nicht nur über "Geheimwissen" verfügen, sondern es auch an
Ihre Studenten weitergeben.
Chan: Es gibt keine Geheimnisse. Es
gibt nur ein langes, intensives Studium des Feng Shui, das man genauso
akurat erlernen muß wie jedes andere Handwerk. Was ich lehre, habe ich
von meinem Meister in Hongkong in mehr als 30 Jahren gelernt und selbst
intensiv praktisch erprobt. Es sind die klassischen chinesischen Methoden.
Sie sind sehr strukturiert und logisch. Diese Methoden lehre ich. Ich
möchte, daß meine Schüler gut ausgebildet sind, damit sie später
hervorragende praktische Arbeit leisten. Sie können nur gute Ergebnisse
produzieren, wenn sie genau wissen, was sie tun und warum.
In England halten Sie seit über zwei
Jahren Meisterklassen für fortgeschrittene Studenten. Dort lehren sie den
chinesischen Kalender und die einzelnen Ringe des Kompaß LoPan, und zwar
im Original. Die "frühen" Trigramme spielen in Ihrer
Umweltanalyse eine große Rolle ebenso wie beispielsweise die
Yuen-Hom-Methode der zeitlichen Bestimmung, die deutlich komplexer ist als
die hier vereinfachte Lo-Shu-Methode. Über alle diese Dinge kann man in
der westlichen Fachliteratur so gut wie nichts nachlesen. Also doch
"Geheimwissen"?
Chan: Das Interesse im Westen an
Feng Shui und anderen chinesischen Wissenschaften und Künsten ist derzeit
sehr groß. Das ist unsere Chance, aber auch unsere Verpflichtung, den
Europäern unser Wissen nahezubringen - und zwar akurat. Ich bin nicht der
Meinung, daß es ausreicht, "ein bißchen" zu erzählen oder
oberflächliches, populär aufgemachtes Wissen zu präsentieren, um eine
Mode zu befriedigen. Die Europäer sind nicht dumm. Sie forschen nach, und
früher oder später finden sie heraus, daß man ihnen Unsinn erzählt hat
- und dann sind sie zu recht enttäuscht und ärgerlich. Wir haben ein
großes und wertvolles Wissen weiterzugeben, und ich glaube, damit tun wir
gleichzeitig etwas für die Völkerverständigung.
Woher kommt es dann, daß sich
chinesische Feng-Shui-Meister im Westen so bedeckt halten?
Chan: Die Art, wie gelehrt wird, ist
im Osten und Westen sehr verschieden. In China war und ist es nicht
üblich, daß der Schüler seinem Meister dauernd Fragen stellt. Mein
Meister hat mir recht wenig gesagt. Er hat mich zu interessanten Plätzen
geführt, mir einiges gezeigt und erklärt, aber ansonsten mußte ich viel
selbst beobachten und ausprobieren. Wenn ich etwas wissen wollte, sagte er
oft: "Geh' los, und finde es selbst heraus." Er hat mich nur
dann korrigiert, wenn ich falsch lag. Auf diese Weise habe ich mir viel
selbst erarbeitet, und ich experimentiere und forsche noch heute ständig
weiter, um mein Wissen zu vertiefen.
Wie gehen Sie mit der europäischen
Logik um und der Erwartungshaltung, schnell, komprimiert und einfach zu
lernen?
Chan: Als ich nach Europa kam, hat
mich anfangs sehr gewundert, daß die Menschen ständig fragten. Sie
wollten am liebsten sofort alles wissen. Und vor allem immer warum, warum,
warum... Ich fand bald heraus, daß die chinesische Art, manchmal Fragen
im Raum stehen zu lassen oder sogar zu sagen, "Es ist ein
Geheimnis", bei den Europäern ganz schlecht ankam. Für Chinesen ist
die Art, sich zurückzuhalten und das Verständnis der Dinge über einen
langen Zeitraum entwickeln zu lassen, normal. Europäer aber denken
gleich, daß man keine Ahnung hat, wenn man keine Antwort gibt. Sie halten
einen dann für inkompetent. Ich habe keine Angst vor Fragen, und ich
ermutige meine Schüler sogar dazu, denn ich möchte, daß sie den Stoff
wirklich verstehen.
Wie lange dauert es, Feng Shui zu
lernen?
Chan: Wenn Sie in einem Fach
wirklich gut sein wollen, müssen Sie sich darauf einstellen, lange zu
lernen und vor allem sehr viel eigene Erfahrung zu sammeln. Sicher sind
Sie in der Lage an einem Wochenende einiges von den Grundsätzen des Feng
Shui zu verstehen. Aber mal ernsthaft: Würden Sie sich von einem Arzt
operieren lassen, der an einem Wochenend-Crashkurs "Chirurgie"
gelernt hat? Und denken Sie nicht, Feng Shui wäre weniger ernst zu
nehmen. Ein Arzt, der falsch diagnostiziert und behandelt, ruiniert
vielleicht die Gesundheit eines einzelnen Patienten. Ein schlechter
Feng-Shui-Berater kann aber gleich eine ganze Familie mitsamt deren
nächster Generation ruinieren - das sollten Sie bedenken, ehe Sie
leichtfertig mit Halbwissen Feng Shui praktizieren.
Was macht ein gute Feng-Shui-Beratung
aus?
Chan: Die Aufgabe eines
Feng-Shui-Beraters ist es, in erster Linie dafür zu sorgen, daß gutes
und wohltätiges Ch'i, Energie, auf ein Grundstück oder in ein Gebäude
fließt. Das gute Ch'i muß sich sammeln und kontinuierlich durch den
betreffenden Ort mäandern. Nur so kann es positiv auf die Bewohner
einwirken und ihnen helfen, ein gesundes, balanciertes Leben zu führen.
Natürlich gehen Sie auf bestimmte Aspekte ein, die Ihre Klienten
wünschen. Oft lassen sich Verbesserungen in finanziellen und
gesundheitlichen Angelegenheiten, in Beziehungen und Beruf erwirken.
Sie verwenden bei Beratungen den LoPan
und nehmen umfangreiche Berechnungen vor. Das bringen Sie auch Ihren
Schülern bei...
Chan: Es wird viel von
"intuitivem" Feng Shui geredet - und natürlich brauchen Sie
eine Menge Gespür für die Dinge, aber auch das erreichen sie letztlich
nur durch Lernen des Handwerks und praktische Erfahrung. Neben ihrem
Gespür ist die präzise Technik gefragt. Und da müssen Sie sich schon
die Mühe machen, das Instrumentarium des Feng Shui zu erlernen. Neben der
Formschule, in der Sie lernen, Landschaftsphänomene und ihren Einfluß
auf Menschen zu beobachten und zu beurteilen, ist die Kompaßschule mit
ihren präzisen Messungen und Berechungen sehr wichtig. Die
"Sitzposition" und die Türausrichtung des Hauses müssen Sie
sehr präzise bestimmen, um exakte Aussagen machen zu können.
Dabei arbeiten Sie immer mit
chinesischen Orginalinstrumenten. Wieviel müssen Ihre Schüler da
entziffern können?
Chan:
Nicht so viel. Was Sie ständig benötigen, um Ihre Berechnungen mit
dem LoPan durchzuführen, sind vielleicht 60 Zeichen. Damit kommen Sie
schon mal durch. Andere mögen der Meinung sein, daß man es sich ja
leichter machen und in englischen Tabellen nachschauen oder einen
einfachen westlichen Kompaß benutzen kann. Ich halte das auf die Dauer
für unbefriedigend. Ich finde, Sie sollten in der Lage sein, die
Orginalwerkzeuge zu benutzen. Dann wissen Sie erstens, daß Sie nicht
eventuelle Übersetzungsfehler oder Oberflächlichkeiten in Kauf nehmen
müssen. Und außerdem sind Sie in der Lage, eigenständig zu arbeiten,
ohne auf andere angewiesen zu sein. Abgesehen davon, ist der chinesische
LoPan so gefertigt, daß Sie die Nadel wie eine Rute benutzen können -
ich kann beispielsweise anhand der Art, wie die Nadel ausschlägt, genau
sagen, ob sich unten im Erdboden Metall, Wasseradern oder Knochen
befinden.
Eine andere "Hürde", die Ihre
Schüler nehmen müssen, ist der chinesische Kalender, ebenfalls im Original.
Sie berechnen bei Beratungen das persönliche Horoskop der Klienten und
lehren das auch in Ihren Seminaren. Wie wichtig ist die Astrologie für
Feng Shui?
Chan: Im Westen ist sie sehr
wichtig. In China wird Feng Shui oft nur auf den Haushaltsvorstand
abgestellt. In Europa und den USA spielt das Individuum eine viel
größere Rolle. Hier ist es üblich, Räume individuell für die
einzelnen Bewohner zu gestalten. Daher muß man herausfinden, welche
Elemente - Holz, Feuer, Erde, Metall oder Wasser - für den einzelnen
günstig oder ungünstig sind. Der
chinesische Kalender zeigt für jedes Datum die präzise Kombination der
Stämme und Äste und damit der fünf Elemente an, die auf Sie einwirken.
Hier begegnen Ihnen im übrigen die gleichen Schriftzeichen wie auf dem
LoPan - es ist wirklich nicht so schwierig.
Ein genaues Bild über Ihre Persönlichkeit und welche Farben oder Formen
Sie beispielsweise in der Kleidung und in der Wohnungseinrichtung benutzen
sollten, gibt letztlich nur das individuelle Horoskop. Die vier Säulen
des Schicksals, berechnet aus Jahr, Monat, Tag und Stunde der Geburt,
zeigen Ihre ganz persönliche Elemente-Verteilung an, ob Sie mehr Yin-
oder Yang Anteile haben und welche der fünf Elemente sie einsetzen
sollten, um Ihre Persönlichkeit zu unterstützen.
Ein weiterer Vorteil ist die präzise Berechnungsmöglichkeit von Daten,
Richtungen und anderen individuellen Faktoren: Wann Sie ein Haus kaufen
oder verkaufen, wann - und wen - Sie heiraten, ob Sie sich scheiden
lassen, wann und wohin Sie umziehen, ein Geschäft eröffnen, eine
Karriere starten - das Horoskop gibt zuverlässig Auskunft darüber.
Arbeiten Sie für sich selbst auch mit
dem Horoskop?
Chan: Natürlich. Ich habe in diesem
Frühjahr mein Haus verkauft und bin in ein neues gezogen. Im Horoskop
meiner Frau hatte ich gesehen, daß sie im nächsten Jahr an alten Wohnort
Gesundheitsprobleme bekommen hätte. Für Verkauf, Neukauf und Umzug habe
ich die passenden Daten und Richtungen berechnet. Ich mein neues Haus denn
auch zu einem sehr günstigen Preis bekommen und das alte sehr gut
verkauft.
Wie sind selbst zu Feng Shui und
Astrologie gekommen?
Chan: Ich habe es mir mitnichten
ausgesucht. Ich wurde 1946 in Hongkong geboren und als Halbwüchsiger von
meinem Meister Chue Yen "ausgewählt". Da war ich gerade 14
Jahre alte - und hatte überhaupt keine Lust auf taoistische Philosophie
und Feng Shui. Schon allen deshalb nicht, weil ich oft morgens um 2 Uhr
aufstehen mußte, um mit meinem Meister auf die Berge zu steigen. Dort
sollte ich lernen, das Ch'i zu spüren, das morgens früh am intensivsten
ist. Er nannte das "chase the dragon" - den "Drachen
jagen" - und ehrlich gesagt, haben Sie als junger Bursche von 14
Jahren eher Lust Mädchen zu jagen als Drachen...
Sie haben trotzdem weitergemacht?
Chan: Natürlich. Mein Meister hat
es so bestimmt. Ich habe viel gelernt und bald verstanden, daß ich auf
dem Weg war, mir ein sehr wertvolles und wirkungsvolles Wissen anzueignen.
Wie sind Sie nach Europa gekommen?
Chan: Ich war Ende 20, als mir mein
Meister riet, nach Europa zu gehen, um die westliche Kultur und Geomantie kennenzulernen.
Ich zog nach Schottland, blieb aber immer in engem Kontakt mit meinem
Meister und flog regelmäßig nach Hongkong, um weiter bei ihm zu
studieren. Master Chue hatte mein Horoskop erstellt und daraus ersehen,
daß ich mit 50 Jahren bereit und fähig sein würde, selbst als
Feng-Shui-Meister zu arbeiten. Als er mir "grünes Licht" gab,
riskierte ich den ersten ernsthaften Ehekrach mit meiner Frau und gab
unser gutgehendes China-Restaurant in Edinburgh auf. Meine Frau hielt mich
für total verrückt, aber am nächsten Tag rief eine Zeitung bei mir an,
und bat um ein Interview über Feng Shui - seither kann ich mich über
mangelnde Nachfrage nicht beklagen.
Sie haben Ihr eigenes Lehrinstitut in
Schottland und unterrichten auch in London und Stratford-upon-Avon.
Nächstes Jahr werden Sie auch im deutschsprachigen Raum Seminare halten.
Chan: Ich war dieses Jahr schon
einmal in Österreich, um Astrologie zu lehren. Die Teilnehmer waren
fortgeschrittene deutsche und österreichische Feng-Shui-Studenten. Dieser
Kurs war sehr interessant für mich. Ich werde im Jahr 2000 einen weiteren
Kurs in Österreich halten und zwei Seminare in Chinesischer Astrologie
und Advanced Feng Shui in München.
Master Chan, vielen Dank für das
Gespräch.
Master Chan lebt heute in
Schottland.
In Edinburgh leitet er sein eigenes Lehrinstitut, die "Imperial
School of Feng Shui and Chinese Horoscopes".
Gefion Wolf studierte Feng Shui,
Nine Star Ki und chinesische Astrologie bei Derek Walters, Simon Brown und
Master Chan Kun Wah. Sie ist cert. Feng-Shui-Practitioner der
"International School of Feng Shui", Journalistin und
Fachbuchautorin. Sie studierte Amerikanistik und Ethnologie und befaßte
sich schon früh mit den Kulturen des Fernen Ostens. Von ihrer Karriere
als Ressortleiterin und Chefredakteurin in den Printmedien verabschiedete
sie sich zugunsten ihrer Selbstständigkeit als Autorin, Unternehmerin und
Coach.
Quelle:
Feng
Shui life - Internationaler Newsletter für Wohn- und Lebensqualität |